Hilfe für von Eltern-Kind-Entfremdung betroffene Menschen

Die Unterstützungseinrichtung sagt, dass die steigende Fallzahl von Kindern, die gegen einen Elternteil durch den anderen während des Familienzerfalls in Stellung gebracht werden, intensive Hilfe erforderlich macht

Bericht in The Guardian – Übersetzung von Martin Ostendorf

2016-09-01

‚Miriam‘ befürchtet, dass ihr Sohn vielleicht nie mehr zu ihr zurückkehrt. Foto: David Levene für den Guardian

Amelia Hill @byameliahill

Donnerstag, 14. Juli 2016 um 7 Uhr Ortszeit (Greenwich) zuletzt geändert am Donnerstag 14. Juli 2016, 11:48 Ortszeit

Eltern-Kind-Entfremdung – ein Phänomen, bei dem ein Elternteil das gemeinsame Kind gegen den anderen Elternteil in Stellung bringt – ist so zu einem Merkmal des schwierigsten Familienzerfalls geworden, dass Cafcass, der Beratungs- und Unterstützungsdienst für Kinder und Familien­gerichte, vorhat, zielgerichtete Unterstützung für Betroffene im Anschluss an ein staatlich gefördertes Intensivtherapiepilotprogramm einzurichten.

Im Unterschied zu der weit verbreiteten verschärften Auseinandersetzung zwischen Eltern in Scheidung ist das Syndrom der Eltern-Kind-Entfremdung ein international anerkanntes Phänomen. In den USA und Kanada werden „Elternkoordinatoren“ von Gerichten bestellt und beaufsichtigt, um Beziehungen zwischen Eltern und Kindern wiederherzustellen, die als „entfremdet“ gekenn­zeichnet werden. In Mexiko und Brasilien stellt Elter-Kind-Entfremdung eine Straftat dar.

Der Psychiater Richard Gardner entwickelte den Ansatz vor 20 Jahren. Er beschrieb ihn als „Störung, die vor allem im Kontext von Sorgerechtsstreitigkeiten auftritt. Seine hauptsächliche Auswirkung ist der Abwertungskampf des Kindes gegen einen Elternteil, ein Kampf ohne Grund. Er resultiert aus der Kombination der Beeinflussung eines programmierenden (gehirnwaschenden) Elternteils und des eigenen Kindesbeitrags zur Verunglimpfung des Zielelternteils“.

Die stellvertretende Direktorin von Cafcass, Sarah Parsons, sagte: „Eltern-Kind-Entfremdung ist verantwortlich für ungefähr 80 % der unversöhnlichsten Fälle vor Familiengerichten. Wir bilden unsere Sozialarbeiter jetzt schon aus, das Problem zu erkennen, aber diese Maßnahme befördert die Hilfe für betroffene Familien zusätzlich“.

Eltern-Kind-Entfremdung ist, so wird geschätzt, in 11 – 15 % aller Scheidungen mit Kindern anzutreffen. Diese Zahl soll sogar steigen. Ein anderes Forschungsergebnis lautet, dass ungefähr 1 % aller Kinder und Jugendlichen in Nordamerika Eltern-Kind-Entfremdung erfahren.

Miriam, eine Dozentin und Künstlerin – Name geändert – packte ihre Sachen, um mit ihrem jungen Sohn in Urlaub zu fahren, als ihr Ex-Mann ihr e-mailte, um ihr mitzuteilen, dass sie ihr Kind nie mehr sehen würde. Der Junge blieb das Wochenende bei seinem Vater, und in der E-Mail stand, dass der Junge so schwerwiegende Anschuldigungen gegen seine Mutter erhob, dass er nie nach Hause kommen würde. Erst 592 Tage später sah Miriam ihren Sohn wieder.

„Ich bin eine ganz normale Mutter, und völlig ohne Vorbereitung wurde ich mit falschen und erfundenen Verdächtigungen sexueller Natur gegen meinen Sohn konfrontiert, die absolut grauenhaft waren“, sagte sie. „Es war entsetzlich“.

Dr-Amy-J-L-Baker

Dr. Baker is a nationally recognized expert in parent child relationships, especially children of divorce, parental alienation syndrome, and emotional abuse of children. Dr. Baker is available as an expert witness and for print, radio, and television interviews. (c) http://www.amyjlbaker.com/parental-alienation-syndrome.html

Seit ihrer Scheidung vor sieben Jahren hat Miriams Ex-Mann einen Eltern-Kind-Ent­fremdungskampf aufgenommen. Er hat fast alle der 17 spezifischen Strategien angewandt, die an Erwachsenen in Forschungsstudien ermittelt worden sind, die selbst als Kinder entfremdet wurden, und derjenigen, die Zieleltern sind.

Diese beinhalten einen Elternteil, der ständig den anderen Elternteil bis zu dem Punkt schlechtmacht und herabsetzt, dass das Kind den Zielelternteil überhaupt nicht mehr wertschätzt, den Kontakt zu ihm einschränkt, Gespräche über den Zielelternteil und Bilder von ihm verbietet und dadurch den Eindruck erzeugt, dass der Zielelternteil das Kind nicht liebt oder gefährlich ist. Dadurch wird das Kind genötigt, den anderen Elternteil abzulehnen und dazu gedrängt, ihn im Auftrage des anderen Elternteils auszuspionieren und ihm Geheimnisse vorzuenthalten.

Richter in Großbritannien nehmen zunehmend Kenntnis vom Phänomen. In einem Fall schrieb eine Richterin von einem Fall, in dem sie gezwungen wurde, einen Wohnortswechsel vorzunehmen, um die Beziehung zwischen einem Kind und einem entfremdeten Elternteil wiederherzustellen. „Ich betrachte elterliche Manipulation von Kindern als außergewöhnlich schädlich. Davon sehe ich zu meiner Bestürzung eine ganze Menge“, schrieb sie in ihrer Zusammenfassung.

Joanna Abrahams, die vorsitzende Anwältin für Familienrecht von Setfords Solicitors, ist eine von wenigen Anwälten im Vereinigten Königreich, die sich auf Fälle von Eltern-Kind-Entfremdung spezialisiert hat. Sie hat einen stetigen Anstieg an solchen Fällen in den letzten Jahren erlebt.

„Obwohl das Bewusstsein für Eltern-Kind-Entfremdung wächst, bin ich nicht davon überzeugt, dass Richter oder Sozialarbeiter die notwendige Ausbildung und Erfahrung damit haben, die sie befähigt, Eltern-Kind-Entfremdung zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren“, sagte sie. „Die einzige wirkliche Chance, die ein Opfer von Eltern-.Kind-Entfremdung hat, sein Kind wiederzubekommen, ist die, einen spezialisierten Anwalt zu finden, der die Erfahrung hat, vor Gericht psychologische Gutachten, auf das Problem gerichtete Therapie und, falls notwendig, einen Wohnortwechsel des Kindes zum entfremdeten Elternteil zu beantragen“.
Diese Eingriffe sind jedoch kostspielig, und Einschnitte in der Prozesskostenhilfe bedeuten, dass Eltern-Kind-Entfremdung etwas ist, das nur wohlhabendere Eltern anerkannt bekommen. Sie sagte, es könne bis zu 50.000 Pfund Sterling (58.570 €) kosten, Eltern-Kind-Entfremdung fachgerecht anerkannt zu bekommen.

Das Syndrom wird kontrovers diskutiert. Es wird weder im DMS noch von der WHO anerkannt. Darüber hinaus behaupten einige Aktivistinnen, dass das Syndrom eine Männerwaffe sei, um das Sorgerecht von jeder Mutter zu erhalten, die Missbrauch geltend macht. Paul Fink, der Vorsitzende des Leitungsrats zu Kindesmissbrauch und zwischenmenschlicher Gewalt, hat das Eltern-Kind-Entfremdungssyndrom als wissenschaftlich völlig unhaltbar bezeichnet.

Aber Dr. Amy Baker, eine Entwicklungspsychologin, Forscherin und Autorin des Buches „Erwachsene Kinder des elterlichen Entfremdungssyndroms: Bindungen zerbrechen“ sagt, dass schwerwiegende Eltern-Kind-Entfremdung das Hirn eines Kindes gegenüber einem vorher geliebten Elternteil in einer beängstigend kurzen Zeitspanne vergiften kann.

„Wenn Kinder entfremdet worden sind…, werden Eltern, die einstmals geliebt und wertgeschätzt wurden, anscheinend über Nacht zu Zielscheiben des Hasses und der Angst“, sagte sie. „Sie scheinen keinen Verlust aufgrund des Beziehungsendes zu ihrem Elternteil zu spüren und sind bereit, ihre [hassgeprägten] Ansichten zu teilen, ohne Scham oder Unbehagen zu fühlen. Solche Kinder seien in der Lage dazu, den anderen Elternteil falsch zu beschuldigen“.

Das, so sagte Baker, sei der Unterschied zwischen einem missbrauchten und einem entfremdeten Kind. „Kinder lehnen nicht automatisch einen Elternteil ab, selbst einen ziemlich schlechten, es sei denn, sie wurden entsprechend manipuliert“, sagte sie. „Kinder, die misshandelt worden sind, sind recht zurückhaltend, wenn sie darüber sprechen und zugeben sollen, dass ein Elternteil ihnen Schaden zugefügt hat. Selbst wenn sie dann die Misshandlung zugeben, lehnen sie immer noch typischerweise den Elternteil nicht ab, sondern geben sich selbst die Schuld am Missbrauch“.

Karen Woodall, eine Spezialistin für Eltern-Kind-Entfremdung an der Familientrennungsklinik, sagte, es gebe „allgemein einen Mangel an Verständnis für die Problematik in Familiengerichten, bei Fachleuten und Familien­einrichtungen“. Fälle von schwerwiegender Eltern-Kind-Entfremdung seien selten, so Woodall, aber „absolut beängstigend“.

„Wir haben ein System, das in diesen Fällen nicht so funktioniert, wie es sollte“, fügte sie hinzu. „Diese Fälle dauern jahrelang, und die Kinder landen in einer Sackgasse. Wir sollten schon am Anfang unterscheiden: Ist die Ablehnung des Kindes gerechtfertigt oder nicht? Falls nein, soll sofort eine intensive psychologische Betreuung erfolgen“.

Der Silberstreifen am Horizont ist, dass alle Spezialisten darin übereinstimmen, dass Kinder sich sehr schnell von Eltern-Kind-Entfremdung mit der richtigen Hilfe und, falls nötig, der Trennung vom entfremdenden Elternteil erholen.

„Ich habe es immer wieder gesehen, sogar bei Kinder, die 10 Jahre lang den Kontakt zum entfremdeten Elternteil abgelehnt haben, oder Anschuldigungen wegen entsetzlichem sexuellen Missbrauch und sogar Kannibalismus erhoben haben“, sagte Woodall. „Egal, wie alt ein Kind ist, wenn man es in eine normale Familienumgebung mit dem entfremdeten Elternteil setzt, kehrt es in erstaunlich kurzer Zeit zu seinem ehemals liebenden Selbst zurück“.

Jedoch verliert Miriam derzeit die Hoffnung, dass sie jemals wieder eine bedeutungsvolle Beziehung zu ihrem Sohn aufbauen kann. Das Strafgericht hat die Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs fallengelassen, aber nach 592 Tagen, in denen er seine Mutter nicht gesehen hat, will er seiner Mutter nur noch alle sechs Wochen begleiteten Umgang mit ihr in einer dafür vorgesehenen Einrichtung zugestehen.

„Ich muss darauf vorbereitet sein, dass mein Ex-Mann meinem Sohn erzählt, dass er mich nicht mehr sehen müsse und der Umgang aufhören solle“, sagte Miriam. „Mein Sohn ist so schwerwiegend von seinem Vater manipuliert worden, dass es sein kann, dass er erst wenn er selbst Kinder hat wieder zu mir kommt. Aber falls er bis zu meinem Tod nicht zu mir zurückkommt, habe ich meinem Testament Briefe und Videos beigefügt, die ihm mitteilen, wie sehr und bedingungslos ich ihn liebe“.

„Ich versuche zu hoffen“, sagte sie. „Aber jeden Abend gehe ich weinend zu Bett“.

  • Dieser Artikel wurde am 14. Juli geändert. Ursprünglich wurde behauptet, dass Cafcass ein staatlich gefördertes Therapieprogramm ins Leben gerufen hat. Tatsächlich folgte die angebotene Unterstützung einem Pilotprogramm der Regierung. Der Artikel zitierte Joanna Abrahams dahingehend, dass Eltern-Kind-Entfremdung „mehr als 50.000 Pfund Sterling“ kosten könne. Daraufhin korrigierte sie ihre Schätzung von „bis zu 50.000 Pfund Sterling“.
Quelle: Online-Dokument The Guardian, abgerufen am 28.08.2016