Gießener Akademische Gesellschaft

Entstehung – Hintergrund – Fakten

Im Spätsommer 2013 veranstaltete die Gießener Akademische Gesellschaft ihre erste Tagung zur Frage, ob die deutsche Justiz auch Gefälligkeitsgutachten einsetze, um vorgefertigte Urteile zu legitimieren. Es ging um denkwürdige Initiativen von Behörden und um vereinzelte, weder rechtlich, noch logisch erklärliche Gerichtsurteile, die die Initiatoren als beratende Fachleute, z.T. auch als Betroffene, erlebt hatten, inmitten einer Welt, die sonst rechtsstaatlich zu funktionieren schien.

Gründer der Gießener Akademischen Gesellschaft. Prof. Dr. Aris Christidis.

Gründer der Gießener Akademischen Gesellschaft. Prof. Dr. Aris Christidis.

Der Name Gustl Mollath war damals nur wenigen ein Begriff, und Dennis Stephan war noch nicht unter jene Räder gekommen, die ihn auf das Prokrustes-Bett der Vitos-Kliniken fixieren halfen. Aber kaum jemand wollte sich die Finger an einem mutmaßlich paranoiden bayerischen Gewalttäter oder an einem potentiell schizophrenen hessischen Brandstifter verbrennen.

Die Tagung zielte mit ihrem Dürrenmatt-nostalgischen Titel auf lokale Aufklärung und Vernetzung ab – und wurde bundesweit angenommen. Während ihrer Planung war Gustl Mollath zur Ikone der Republik herangewachsen. Er erschien am 24.08.2013 in Gießen als nicht-planbarer (da eingesperrter) und dennoch gebetener, unerwartet freigelassener Festredner, vor einem Publikum, das nur in seiner Minderheit aus Hessen kam.

Doch zunehmend wurden Stimmen laut, die Tausende von Kindern zu thematisieren, die in Deutschland jährlich den Gefälligkeitsdiagnosen Unkundiger und Unbefugter zum Opfer fallen: Kinder, die entfremdet, missbraucht, traumatisiert, stigmatisiert werden, weil Nicht-Psychologen psychologische, Nicht-Psychiater psychiatrische Diagnosen stellen, oder weil sich Fachleute mit Gefälligkeitsdiagnosen ein Zubrot erdienen.

Diese Erscheinungen sind nicht neu in der deutschen Geschichte, und die demokratische Legitimation der Richterschaft war noch nie höher als heute – aber auch nie anders: die Lizenz, Urteile „im Namen des Volkes“ auf Lebenszeit zu sprechen, schafft fruchtbare, intransparente Biotope. So war es wohl kein Zufall, dass der Hinweis, wir leben in einer postfaschistischen Gesellschaft, von allen damals Erschienenen als eine treffende (wenngleich nicht scharf umrissene) Beschreibung der deutschen Gegenwartsgesellschaft aufgegriffen wurde.

In der Zwischenzeit gab es rund um die Republik ähnliche Initiativen: Teile der akademischen Welt lehnen sich gegen den eigenen Missbrauch durch die Politik auf, Eltern mobilisieren gegen das Verschwinden ihrer Kinder auf der Grundlage undurchsichtiger Gerichtsbeschlüsse, Insassen der Psychiatrie artikulierten in bestechender Klarheit ihr Leid in trüben Verhältnissen.

Zur Tagung 2014